Rhein und Mosel nähren Plastikmeere

Die letzten beiden Wochenenden hatten wir eine unserer bisher aufwendigsten Aktionen zu meistern: Am 12. sowie 19. März hatten wir dazu eingeladen, gemeinsam mit uns an den Ufern von Rhein und Mosel Plastikmüll zu sammeln. Schon zum ersten Termin schwärmten insgesamt drei Gruppen aus: Eine sammelte zwischen Kurt-Schumacher-Brücke und Staustufe an der Mosel, eine zweite begann am Rheinufer vom Campingplatz Rhein-Mosel und eine dritte säuberte von Ehrenbreitstein Richtung Vallendar.

Ehrenbreitstein

Helfer*innen

 

Doch weit kamen wir selten: An den Ufern von Mosel und Rhein stellte uns das Müllaufkommen vor große logistische Probleme. Unsere Schubkarrren und Transportsäcke waren nach nur kurzer Zeit bis zum Rand voll. Am Rheinufer in Ehrenbreitstein schafften wir sogar nur ein Bruchteil der geplanten Strecke. Mit solchen Massen an Müll hatten selbst wir nicht gerechnet.

EhrenbreitsteinBis zu 13 Millionen Tonnen Plastikabfälle gelangen jedes Jahr weltweit alleine von Land aus ins Meer. Dort verrottet es nicht, sondern belastet für mehrere hundert, wenn nicht tausend Jahre die Ökosysteme. Selbst an entlegensten Orten wie in Tiefseegräben oder der Arktis ist mittlerweile Plastikmüll zu finden. Ein Großteil stammt aus Asien. Doch Deutschland kann sich ebenso wenig aus der Verantwortung ziehen. Die Deutschen verbrauchen mit Abstand das meiste Plastik in der Europäischen Union – ein Viertel der Gesamtmenge. Nach offiziellen Angaben landet lediglich ein Prozent auf Deponien, mehr als die Hälfte wird verbrannt, der Rest wird recycelt. Wer die Zahlen durchrechnet, kommt auf eine verdächtige Differenz zwischen Plastikmüll und Plastikverbrauch: Rund vier Millionen Tonnen, die in keiner Bilanz auftauchen. Wo landet dieses Plastik, wenn es nicht verbrannt oder recycelt wird?

Vor allem im Meer. Der Wellengang und die UV-Strahlung zerkleinern den schwimmenden Plastikmüll in mikroskopisch kleine Teilchen – sogenanntes Mikroplastik. Diese Partikel dienen Umweltschadstoffen als Andockstation: Sie lagern sich in teils hohen Konzentrationen an den Plastikkrümeln an und gelangen so in die Mägen von Meeresbewohnern. Forscher haben längst Mikroplastik in Plankton, Muscheln und Garnelen nachgewiesen – auch in Nordseefischen wie Makrele, Hering oder Flunder. So landet der Müll, den wir ins Meer kippen, letztlich unter Umständen wieder auf unseren Tellern.
Das gilt zum Beispiel für in Kosmetika verwendetes Mikroplastik, das zu klein ist, um aus den Abwässern herausgefiltert zu werden. Aber auch typisches Wegwerfplastik wie Einwegflaschen, To-Go-Kaffeebecher, Verpackungen oder Einwegtüten muss nicht sein. Jeder Deutsche verbraucht beispielsweise pro Jahr 76 Plastiktüten, nicht eingerechnet die dünnen Obst- und Gemüsebeutel.

Plastikmüllhaufen

Freiwillige Selbstverpflichtungen von Industrie und Handel werden langfristig nicht reichen. Irland hat einen simplen Weg gefunden, den Tütenverbrauch um erstaunliche 98 Prozent  zu senken: Die Geschäfte verlangen 44 Cent Abgabegebühr. Die Umweltschützer üben sich deutschlandweit in Schadensbegrenzung; lösen können sie das Plastikproblem natürlich nicht. Dafür müssen entschiedenere Gesetze her: Besser wäre es, der Plastikmüll würde gar nicht erst produziert werden.

Insgesamt haben 10 helfende Freiwillige zusammen mit 15 Koblenzer Greenpeace-Aktiven mehr als 5m³ Müll gesammelt – der Großteil davon Plastik. Zusätzlich gab es auch eine Sammelaktion in Lahnstein, von der wir gar nichts wussten. Auch dort ist unglaublich viel Müll gesammelt worden. Wenn allein schon hier in Koblenz und Umgebung so viel Müll an den Ufern liegt, was bedeutet das für den Plastikeintrag des gesamten Rheins, der Elbe und aller Flüsse, die in die Meere fließen? Es bedeutet, dass wir ein großes Problem haben!

Was jeder Einzelne tun kann:

  1. Meeresschützer werden
    Jeder kann zum Schutz unserer Ozeane beitragen – zu Meeren ohne Plastikmüll. Machen auch Sie mit, und schließen Sie sich uns an! Wir informieren über aktuelle Mitmachaktionen für den Meeresschutz.
  2. Unnötiges Plastik reduzieren
    Müssen Einwegflasche, Plastikgeschirr oder 1-Euro-Nippes unbedingt sein? Wahnsinn, welcher Aufwand etwa für einen Wegwerflöffel betrieben wird. Wäre es da nicht sinnvoller, wenn wir unser Besteck einfach abwaschen? Viele Plastik-Gadgets im Alltag sind komplett überflüssig. Deshalb: Einfach mal den schnellen Griff zu Dingen hinterfragen, die es auch aus schönen, langlebigen Materialien wie Holz, Glas, Stoff oder Metall gibt.
  3. Aktiv werden
    Egal, ob man an der Ostsee oder in den Alpen zuhause ist: Plastikmüll gelangt nicht nur über Strände, sondern auch über Flüsse ins Meer. Deshalb: Ärmel hochkrempeln und bei Müll-Aufräumaktionen mitmachen. Oder selbst welche initiieren – damit Plastikmüll in der Umwelt keine Chance hat.
  4. SchubkarrenBei Kosmetik auf Inhaltsstoffe achten
    Viele Körperpflegeprodukte und Kosmetika enthalten tatsächlich winzige Plastikperlen oder Granulate: Mikroplastik. Sie dienen als Schleif-, Binde- oder Füllmittel. Dabei sind diese Plastikperlen leicht durch natürliche Alternativen ersetzbar – und deshalb komplett überflüssig! Das Plastik in der Kosmetik ist ganz leicht zu erkennen: Es ist als Polyethylen (PE), Polypropylen (PP) oder auch Nylon gekennzeichnet. Also keine Produkte kaufen, die diese Inhaltsstoffe enthalten – am besten Naturkosmetik wählen oder Produkte mit dem „Zero Plastic Inside“ Label. Auch die Smartphone-App von „Beat the Microbead“ hilft weiter.
  5. Mit Rucksack, Korb, Stofftasche einkaufen
    76 Plastiktüten verbraucht jeder Deutsche im Durchschnitt pro Jahr. Viel zu viele! Dabei gibt es nachhaltige Alternativen: Körbe, Rucksäcke, Stofftaschen. Die sind robuster als Einwegtüten aus Plastik oder Papier – und ihre Ökobilanz fällt bei mehrmaliger Nutzung deutlich besser aus. Ein kleiner Stoffbeutel passt in jede Jackentasche – und ist deshalb auch bei Spontankäufen ein guter Begleiter.
  6. Zeit nehmen statt „To Go“
    Jährlich werden mehr als 100 Millionen Tonnen Plastik für Produkte hergestellt, die weniger als fünf Minuten genutzt werden, etwa Einweggeschirr und Becher für „To Go“-Kaffee. Mit unserer Bequemlichkeit wächst auch der Plastikmüll-Berg. Dabei tut es gut, den Alltag zu entschleunigen: Auf den Plastikdeckel beim Kaffee verzichten und lieber in Ruhe eine Tasse im Café trinken oder selbst einen Espresso oder Filterkaffee kochen (nicht aus Kapseln, selbstverständlich). Trotz bestem Willen keine Zeit? Da helfen die oft schicken Thermobecher, die sich immer wieder mitnehmen lassen – und den Kaffee wärmer halten als jeder Einwegbecher.
  7. Die Macht als Kunde nutzen
    Derzeit werden 311 Millionen Tonnen Plastik im Jahr produziert, Tendenz stark steigend. Hauptabnehmer ist die Verpackungsindustrie – die damit vor allem Produkt-Marketing betreibt. Doch der Inhalt wird dadurch nicht besser. Deshalb möglichst unverpackte Lebensmittel kaufen oder nur solche in größeren Packungen. Umdenken kann auch bewirken, wer Hersteller und Lebensmittelhandel auf Alternativen anspricht – oder gleich regionale Produkte, beispielsweise in Obst- und Gemüsekisten, ordert.
  8. Sogenanntes „Bioplastik“ vermeiden
    Bloß nicht täuschen lassen: Tüten aus „Bioplastik“ sind derzeit noch reine Augenwischerei – erst recht wenn „kompostierbar“ draufsteht.  In den allerwenigsten Fällen sind solche Tüten tatsächlich biologisch abbaubar, und wenn, dann nur unter ganz speziellen Bedingungen in der industriellen Kompostierung. Diese Irreführung ruhig an die Verkäufer zurückmelden!
  9. Müll sammeln und trennen
    Auch wenn es manchmal umständlich ist: Beim Müll das Plastik von den anderen Materialien trennen, damit sich dieser Wertstoff wiederverwerten lässt. In keinem anderen Land der Europäischen Union wird so viel Plastik verbraucht wie in Deutschland. Umso wichtiger, dass es mehrmals eingesetzt werden kann.
  10. Reparieren, umgestalten, upcyceln
    Nicht immer gleich in die Tonne damit: Auch manche Plastikgegenstände lassen sich reparieren. Oder umwidmen. Wenn etwa der Käse nun schon in einer Plastiktüte verpackt ist: Kann die vielleicht wenigstens noch als Frischhaltebeutel dienen? Und – wer weiß? – vielleicht lässt sich ja aus dem ein oder anderen ausgedienten Kunststoffteil etwas ganz Neues, Schönes, Nützliches kreieren? Pflanztöpfe, Schalen oder gar stylische Vorhänge aus den blumenförmigen Böden von Einweg-Plastikflaschen, zum Beispiel. Jede Menge Ideen für Plastikmüll-Upcycling gibt es im Netz.

Viele Kubikmeter Plastikmüll

2 Gedanken zu „Rhein und Mosel nähren Plastikmeere

  1. Super Aktionen. Aber warum werden die zuständigen Kommunen nicht aufgefordert, den Müll am Rheinufer zu entsorgen? Sie sind dazu verpflichtet. Wir wohnen seit 1 1/2 Jahren am Rhein in Bad Breisig und kämpfen darum, dass dieser Müll, insbesondere Plastik entfernt wird. Einiges räumen wir selbst weg. Leider bleiben Schreiben an den Bürgermeister unbeantwortet und Anrufe beim Bürgerservice sind meistens ohne Ergebnis. Vor einem Jahr haben wir dem Bürgermeister geschrieben, er möge doch einen solchen Aktionstag ausrufen. Ohne Antwort bis heute. Wie kommen wir hier weiter?
    Freundliche Grüße
    Udo Schmidt

    1. Hallo Herr Schmidt,
      Durchhaltevermögen und Ideen sind jetzt gefragt. Suchen Sie sich Menschen, die Ihr Anliegen teilen. Schreiben Sie den Verantwortlichen wiederholt. Bitten Sie um ein persönliches Gespräch. Informieren Sie andere Bürger per Infostand, Briefeinwurf und/oder Presseartikel. Rufen Sie selbst zu Sammelaktionen auf, mit dem Ziel, dass das Problem gesehen und angegangen wird. Und machen Sie all das nie allein sondern immer in Absprache und gegenseitigem Beratschlagen aller Unterstützer !

      Schreiben Sie uns gern! Viel Erfolg und baldige Besserung der Situation.

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